Schwerer, Wahl-verzerrender – methodischer Fehler beim Wahl-Unterstützungs-Tool Voto.

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Tools zu Unterstützung der Wahlentscheidung sind gerade sehr beliebt. Sie helfen dabei, die komplexer werdende Parteienlandschaft (warum das gut ist) besser begreifbar zu machen. Und sie sind eine relativ einfache Herausforderung für Software Entwickler, wenn das Datenmaterial digital vorliegt. Doch als Mittler zwischen Parteien und Wähler:innen müssen wir sicher sein, dass die Transformation unparteiisch und ohne Verzerrungen funktioniert. Jeder bewußte Manipulation ist ein schwerwiegender Eingriff in die Demokratie und jede Verzerrung in der Auswertung (selbst wenn gut gemeint) verzerrt das Wahlergebnis auf unzulässige Weise. Kurz: Wir müssen die Tools kritisch prüfen.

Bei der Kommunalwahl in Hessen am 15. März biete ein Tool namens Voto seine Unterstützung an. Ich bin nun kein Politikwissenschaftler, aber schon vor Jahren habe ich aus grundsätzlichem Misstrauen heraus einen kleinen „Elchtest“ entwickelt, der auf einer einfachen Hypothese beruht:

Wenn ein:e Wähler:in in keinem der abgefragten Themen eine Präferenz hat (also immer „Neutral“ oder „Egal“ klickt) dann müssen in der Auswertung alle Parteien gleich bewertet werden. Denn wem alles egal ist, dem darf keine Partei bevorzugt empfohlen werden.

Dass sich bestimmte Parteien zu mehreren Themen gar nicht geäußert haben, darf sich nicht zu ihrem Vorteil (oder Nachteil?) auswirken. Denn die Tatasche, dass ein Thema mir egal ist, ist nicht das Gleiche, wie, dass sich eine Partei im Wahlkampf nicht dazu äußert.

Vor allem aber sollte die Auswertung in diesem Fall nicht unterbunden werden (wie das bestimmte Tools in der Vergangenheit nach meiner Kritik getan haben) , da das ein einfacher Test ist, um eine systematische politische Tendenz aufzudecken: Wenn mir alles (oder vieles) egal ist, sollte mir keine bestimmte politische Richtung bevorzugt empfohlen werden.

Schon 2013 hatte ich solche Tendenzen bei dem Tool der Süddeutschen Zeitung (strikt zugunsten der rechten / konservativen Parteien) und der Uni Konstanz (sogar die AfD auf den ersten Platz bringend) festgestellt (zum Artikel).

Nach meiner Analyse hatten beide Tools die Option, auf alle Fragen „neutral“ zu antworten – einfach ausgeschlossen. Das ist technisch die einfachste Lösung gegen so einen Test – aber verschleiert nur die weiter vorhandenen (technische/politische) Tendenz. Denn meine (Wähler:in) Aussage „neutral“ ist nicht identisch mit der Tatsache, dass sich eine Partei dazu nicht in Ihrem Programm geäußert hat – sie mag Gründe haben, ihr Position dazu nicht offen zu legen (darf daher nicht bevorzugt empfohlen werden). Und andere Parteien, die sich zu dem Thema äußern, dürfen nicht schlechter gestellt werden – denn mir ist das Thema ja explizit egal.

Und diese Tendenz wirkt sich auch aus, wenn ich nur bei ein paar Fragen mit „neutral“ antwort – je mehr von diesen Fragen eine Partei nicht beantowrtet hat, desto besser werden wir gematched (und andere Parteien benachteiligt).

Auch der bekannte Wahl-o-mat hat sich in den vergangenen Jahren damit begnügt, diesen einfachen Test einfach zu unterbinden. Eine tiefere Analyse konnte ich mirt der mir zu Verfügung stehenden Zeit nicht leisten – und andere Institutionen haben scheinbar die Bedeutung von intendierten / technisch bedingten politischen Tendenzen in solchen Tools noch nicht verstanden.

Nun ist Voto das Tool der Stunde und bietet auch für die Kommunalwahl in Darmstadt am 15 .März 2026 eine solche Auswetung an. Zu 41 Fragen kan ich meine Zustimmung und Ablehnung äußern (oder neutral wählen). Und fällt beim Elchtest prompt durch:

Wenn ich alle 41 Fragen konsequent mit „Neutral“ beantworte, bekomme ich folgende Wahlempfehlung von Voto:

(Größenunterschiedender Bilder sind durch mein Screenshot Tool verursacht)

Auch wenn hier keine klare politische Tendenz (anders als bei meiner 2013-er Analyse) sichtbar wird, so stellen sich doch klar Parteinen und Gruppen besser, die sich zu bestimmten Themen einfach gar nicht geäußert haben. Also wird Intransparenz von Voto systematisch belohnt – und zwar scheinbar linear um 0,3% Zustimmung pro nicht beantwortete Frage.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, inwieweit auch die Abweichungen davon beeinflußt sind, wenn die Nicht-Aussage zu einem Thema als „neutral“ aus Wähler:innen-Sicht gewertet wird: Dann wenn ich mich bei einem Thema für „volle Zustimmung“ entscheide, ist eine Partei, die „volle Ablehnung“ äußert, benachteiligt gegenüber einer Partei, die sich einfach nicht zum Thema geäußert hat (aber trotzdem im Sinne von volle Ablehnung handelt, wenn gewählt). Natürlich können Parteien auch falsche Angeben machen – aber das ist dann wenigstens nachweisbar. Eine Nicht-Aussage aber zu bevorteilen ist eine systematische Verzerrung.

Tiefere Analysen in die (technischen) Tendenzen von Voto kann ich selbst nicht leiten, aber ich bin erstaunt., dass ich scheinbar der Erste bin, der dieses kritisiert. Nichts in der lokalen Presse, nichts in der überregionalen Presse. Nichts von den Unis. Und das ist wiklich nur der Elchtest (keine systematische Analyse) eines Tools, das für die Demokratie wichtig ist (und einem der prominentesten Kritiker von Studien in meinem Umfeld ist das komplett entgangen). Tiefere Analysen (aus der Politikwisenschaft) hier sind dringend notwendig.

Und das Menschen auch wichtige Themen schon mal egal sind, zeigt mein Artikel von 2014: Führt der Ukraine-Konflikt zu einem 3. Weltkrieg? Mir egal? Also kein völlig an den Haaren herbeigezogenes Thema wenn es wie bei der Kommunalwahl um Themen wie Hundesteuer und Bebauungspläne geht.

Natürich werde ich Voto (und die Presse) dazu kontaktieren. Und über die Reaktionen brichten.

Aber kurz- bis mittelfristig werden wir verlässliche Methoden brauchen, um solche Tools auf technische und manipulative Tendenzen zu testen. Und künstliche Intelligenzen sowieso – denn wenn sogar ein (vermutlich) wohlmeinendes Tool wie Voto die Auswertung nicht objektiv hinbekommt, wie können wir uns darauf verlassen, dass (von US-Konzernen kontrolierte) KI’s in irgendeiner Weise unseren Interessen entsprechen?

Eine etwas tiefere Analyse von Voto zur BaWü Wahl und bei anderen Kommunen in Hessen sollte folgen.

Meine persönliche Bwertung der 25 Gruppen und Parteien, die zur Kommunalwahl in Darmstadt antreten, werde ich in Kürze folgen lassen.

Einen Link auf Voto habe ich bewußt nicht eingefügt, da ich da Tool im derzeitigen Zustand nicht empfehlen kann. Aber ihr findet das bestimmt, wenn ihr wollt.