Gelegentlich tauchen Grafiken auf, die auf den ersten Blick spektakulär wirken. Diese hier gehört definitiv dazu:

Sie stellt die Verteidigungsausgaben europäischer Staaten den Investitionen großer US-Technologiekonzerne in KI-Rechenkapazität gegenüber. Das Ergebnis soll offenbar schockieren: Amazon investiert angeblich mehr in KI-Infrastruktur als Deutschland in seine Verteidigung. Microsoft liegt über Großbritannien. OpenAI/Stargate bewegt sich in Größenordnungen, die mit ganzen Nationalstaaten vergleichbar erscheinen.

Die Botschaft ist klar: Die Welt verändert sich. Rechenzentren seien vielleicht wichtiger als Panzer.

Das Problem ist nur: Die Grafik vergleicht Dinge, die nur sehr eingeschränkt vergleichbar sind.

Der größte Balken fehlt

Mein erster Einwand betrifft das Offensichtliche: Wenn man Verteidigungsausgaben diskutieren möchte, dann fehlen in der Grafik die USA. Und zwar nicht irgendein kleiner Akteur, sondern der mit Abstand größte Verteidigungshaushalt der Welt.

Für 2025/2026 liegen die amerikanischen Verteidigungsausgaben bei rund 950 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Damit wäre der US-Balken größer als Amazon, Microsoft, Google, Meta und OpenAI/Stargate zusammen.

Das verändert die Aussage erheblich.

Denn alle hier aufgeführten KI-Investitionen stammen ebenfalls aus den USA. Die Unternehmen profitieren von denselben Kapitalmärkten, derselben Innovationslandschaft, denselben Universitäten, derselben Risikokapital-Kultur und letztlich auch von einem sicherheitspolitischen Umfeld, das durch eben jene US-Verteidigungsausgaben abgesichert wird.

Wer also europäische Verteidigungsetats mit amerikanischen KI-Investitionen vergleichen möchte, müsste eigentlich die EU als Ganzes mit den USA als Ganzes vergleichen. Alles andere verzerrt das Bild.

Geld ist kein Ergebnis

Der zweite Punkt ist noch wichtiger.

Die Grafik suggeriert eine Art linearen Zusammenhang zwischen Geld und Leistungsfähigkeit:

  • Mehr Geld = mehr militärische Stärke.
  • Mehr Geld = bessere KI.

So einfach funktioniert die Realität nicht.

Russland demonstriert seit mittlerweile über fünf Jahren recht eindrucksvoll, dass hohe Militärausgaben keineswegs automatisch zu militärischer Leistungsfähigkeit führen. Korruption, Fehlentscheidungen, Bürokratie, ineffiziente Beschaffung und strategische Irrtümer können enorme Ressourcen vernichten. Das Gleiche gilt für Technologieinvestitionen.

Die Internet/Dotcom-Blase im Nasdaq-Composite-Index von 1994 bis 2005.

Sollte die aktuelle KI-Euphorie irgendwann in einem Börsencrash enden, werden dieselben Kommentatoren vermutlich vorrechnen, wie viele hunderte Milliarden Dollar „verbrannt“ worden seien. Auch das wäre eine fragwürdige Sichtweise.

Forschung und Entwicklung funktionieren nicht linear.Und Geld wird nicht verbrannt, nur getauscht – die Milliarden gehören dann nur jemand anderem.

Viele Investitionen scheitern. Einige wenige verändern die Welt. Man weiß vorher nicht zuverlässig, welche das sein werden.

Wer im Jahr 1999 nur auf die Fehlschläge der Dotcom-Blase geschaut hätte, hätte gleichzeitig Amazon, Google und das moderne Internet übersehen.

Die spannendere Frage lautet eigentlich anders

Die wirklich interessante Frage ist deshalb nicht:

Wer investiert mehr Geld?

Sondern:

Wer verfolgt die klügere Strategie?

China wird häufig dafür gelobt, nicht jede technologische Entwicklung einfach mit maximalem Kapitaleinsatz zu beantworten, sondern gezielt nach Hebeln zu suchen. Effizienz, Priorisierung und langfristige Planung spielen dort oft eine größere Rolle als reine Investitionssummen.

Die Ukraine wiederum hat gezeigt, dass intelligente Nutzung vorhandener Ressourcen teilweise wichtiger sein kann als schiere Mengen an Material.

Ist Europa möglicherweise bereits dabei, bei KI einen ähnlichen Weg einzuschlagen? Ich sehe durchaus Anzeichen dafür. Europäische Unternehmen konzentrieren sich stärker auf industrielle Anwendungen, spezialisierte Modelle, Energieeffizienz, Datenschutz, Regulierung und konkrete Produktivitätsgewinne statt ausschließlich auf immer größere Modelle und immer größere Rechenzentren.

Ist das eine Erfolg-versprechende Strategie? Dafür braucht man allerdings qualitative Analysen. Ein Balkendiagramm mit Investitionssummen reicht dafür nicht aus.

Verteidigung ist kein Venture Capital

Ein weiterer Aspekt geht in solchen Vergleichen regelmäßig unter.

Verteidigungsausgaben und Technologieinvestitionen folgen völlig unterschiedlichen Logiken.

Verteidigungsausgaben sind staatliche Ausgaben. Sie werden aus Steuereinnahmen finanziert. Demokratien müssen diese Mittel politisch legitimieren. Die Erträge sind schwer messbar, weil erfolgreiche Verteidigung idealerweise darin besteht, dass bestimmte Ereignisse eben nicht eintreten.

KI-Investitionen dagegen spiegeln Gewinnerwartungen wider. Investoren stellen Kapital bereit, weil sie zukünftige Renditen erwarten.

Das ist ein fundamentaler Unterschied.

Man könnte genauso gut darauf hinweisen, dass die jährlichen Forschungs- und Entwicklungsausgaben amerikanischer Life-Science-Unternehmen mittlerweile bei deutlich über 150 Milliarden US-Dollar liegen und damit ebenfalls höher sind als der deutsche Verteidigungshaushalt.

So what?

Daraus folgt zunächst einmal gar nichts.

Weder über die Stärke Deutschlands.Noch über die Zukunft der Medizin. Noch über die Erfolgsaussichten einzelner Unternehmen.

Warum die Grafik trotzdem interessant ist

Trotz aller Kritik zeigt die Grafik etwas Reales. Nicht die genaue Höhe der Balken. Sondern die Größenordnung.

Einzelne private Unternehmen investieren Beträge, die mit den Budgets großer Nationalstaaten vergleichbar sind.

Das ist bemerkenswert.

Nicht weil Amazon nun militärisch so mächtig wäre wie Deutschland. Sondern weil Rechenleistung, Datenverarbeitung und künstliche Intelligenz zunehmend zu strategischen Ressourcen werden.Die eigentliche Botschaft lautet daher nicht:

„KI ist wichtiger als Verteidigung.“

Sondern:

„Technologische Infrastruktur entwickelt sich zu einem geopolitischen Faktor, der von der Größenordnung früher fast ausschließlich Staaten vorbehalten war.“

Das ist eine wichtige Beobachtung.

Aber sie lässt sich nicht durch das einfache Gegenüberstellen zweier beliebiger Milliardenbeträge beweisen und bewerten.

Und genau deshalb sollte man bei solchen Grafiken immer etwas vorsichtig bleiben. Die spannendsten Fragen beginnen meist dort, wo die Balkendiagramme aufhören.


Die Argumente in diesem Artikel wurden nach meinen Vorgaben zusammen mit einer AI (künstlichen Intelligenz) ausgearbeitet und alle Bilder (reine Symbolbilder ohne Anspruch auf die Darstellung von Fakten) wurden mit einer solchen zur Illustration der Argumente erzeugt. Alle Fehler und Fehlschlüsse bleiben meine.