Demokratie beruht auf einem einfachen Versprechen: Jeder Mensch hat eine Stimme. Doch wenn einige wenige so reich sind, dass sie Parteien finanzieren, Medien kontrollieren und die öffentliche Debatte mitprägen können, gerät dieses Versprechen unter Druck. Ihr Vermögen verschafft ihnen politischen Einfluss, der weit über ihre einzelne Stimme hinausgeht.
Besonders gefährlich wird es, wenn Überreiche diesen Einfluss nutzen, um rechtsextreme Parteien, Organisationen und deren Umfeld zu unterstützen. Durch Geld, durch mediale Aufmerksamkeit oder durch demonstrative Nähe, die Menschenfeindlichkeit gesellschaftsfähig macht. Wer Kräfte stärkt, die Minderheiten ausgrenzen, unabhängige Medien bekämpfen und demokratische Institutionen schwächen wollen, trägt Verantwortung für deren Aufstieg.
Mich ärgert daran auch unsere scheinbare Hilflosigkeit. Wir sehen zu, wie Menschen mit gewaltigen Vermögen politischen Einfluss ausüben, während wir uns fragen, ob unser Widerspruch überhaupt etwas bewirkt. Dabei stammt ein Teil ihrer wirtschaftlichen Macht aus unseren alltäglichen Kaufentscheidungen. Wir kaufen ihre Produkte – und sichern damit das Geschäft, auf dem ihr Einfluss beruht.
Das macht keinen Einkauf automatisch zur Parteispende. Aber es wirft eine sehr persönliche Frage auf: Warum sollte ich mein Geld einem Unternehmen geben, dessen Eigentümer politische Kräfte aufwertet, die meinen Vorstellungen von einer freien und solidarischen Gesellschaft entgegenstehen?
Bei Theo Müller stellt sich mir genau diese Frage.
Für mich gilt das bei Produkten der Unternehmensgruppe Theo Müller. Der Grund sind die öffentlich bekannt gewordenen Kontakte des Unternehmers zur AfD-Vorsitzenden Alice Weidel und seine Begeisterung für die Nazi-Partei (er hat der CDU kürzlich eine ZUsammenarbeit mit der AfD nahegelegt). Ich möchte keinem Unternehmen mein Geld geben, dessen prägende Unternehmerfigur dazu beiträgt, diese Partei gesellschaftlich anschlussfähig zu machen.
Das ist meine persönliche Konsequenz. Und ich finde, es gibt gute Gründe, sie gemeinsam zu ziehen.
Dabei ist mir eine Unterscheidung wichtig: Die öffentliche Unterstützung ist keine Parteispende. Wer behauptet, mit jedem Müller-Joghurt fließe Geld direkt an die AfD, müsste das belegen. Für meine Kaufentscheidung brauche ich diese Behauptung nicht. Mich stört bereits die politische Aufwertung, die entsteht, wenn ein prominenter Unternehmer den freundschaftlichen Umgang mit der Parteispitze pflegt und sich in die öffentliche Diskussion einmischt.
Eine Partei wird auch dadurch normalisiert, dass einflussreiche Menschen ihr Normalität bescheinigen. Dass sie als selbstverständlicher Gesprächspartner erscheint, während ihre menschenfeindlichen Positionen in den Hintergrund rücken. Genau diese Normalisierung möchte ich nicht unterstützen.
Theo Müller kann sich aussuchen, mit wem er sich trifft. Ich kann mir aussuchen, wessen Produkte ich kaufe.
Niemand schuldet einem Unternehmen seine Kundentreue. Unternehmen werben um unser Vertrauen, um Sympathie und um ein gutes Gefühl beim Kauf. Dann dürfen wir auch berücksichtigen, wofür die Menschen hinter diesen Unternehmen öffentlich stehen.
Als Unternehmer finde ich daran nichts Ungewöhnliches. Wer mit seinem Namen und seiner Persönlichkeit für ein Unternehmen steht, prägt dessen Wahrnehmung. Auch durch politische Entscheidungen.
Natürlich wird mein einzelner Einkauf die Unternehmensgruppe nicht erschüttern. Mein einzelner Joghurt rettet auch nicht die Demokratie. Aber aus dieser Feststellung folgt nicht, dass die Entscheidung sinnlos ist. Sonst könnten wir uns jede kleine Handlung sparen, deren Wirkung erst durch viele Menschen entsteht. Niemand erwartet, dass eine einzelne Stimme eine Wahl entscheidet. Trotzdem gehen wir wählen.
Beim Einkaufen ist mein Einfluss begrenzt, aber konkret: Ich entscheide, wer an mir verdient. Ich muss dafür keinen empörten Kommentar schreiben, mich nicht durch eine endlose Diskussion arbeiten und niemanden überzeugen, der ohnehin nur provozieren möchte. Ich kann einfach ein anderes Produkt nehmen.
Und ich kann meine Kontakte nutzen, um dieses Wissen weiter zu verbreiten. Bei den Produkten, die unter der Marke „Müller Milch“ verkauft werden ist das einfach und zumindest in einigen Supermärkten bleiben diese persönlichen Berichten zufolge inzwischen vermehrt sthen oder werden billig verrammscht, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abzulaufen droht.
Andere Marke. Gleicher Müller. Welche Produkte wir darüber hinaus im Regal lassen sollten.
Schwieriger wird es dort, wo der Zusammenhang auf der Verpackung nicht sofort zu erkennen ist. Neben Müller Milch gehören zum Müller Konzern auch folgende Firmen und Marken:
Zur Unternehmensgruppe Theo Müller gehören unter anderem folgende Marken und Unternehmen (Stand September 2026):
- Milchprodukte und Desserts: Müller, Weihenstephan, Sachsenmilch, Landliebe, Puddis, Südmilch und Mondelice
- Weitere Joghurt- und Kefirmarken: Elinas, Lünebest, Almhof und Biotiful
- Käse: Käserei Loose, Harzbube, Bönsel und Käserei Rusack
Quelle: Molkereimarken des Konzerns.
- Fisch, Feinkost, Saucen und Dressings: Homann, Nadler, Hamker und Lisner
- Vor allem in Polen: Graal, Neptun, Mealbox und Kuchnia Staropolska
Quelle: Fisch- und Feinkostmarken des Konzerns.
- Pflanzliche Lebensmittel: Berief Food, seit Juli 2026. Quelle
- Herstellung von Handelsmarken: T.M.A. – produziert Molkereiprodukte für Eigenmarken des Handels. Quelle
- Logistik: Culina Group und Culina Logistics
- Verpackungen: Optipack
- Fruchtverarbeitung: Müller Naturfarm
- Fahrzeugservice: Fahrzeugtechnik Aretsried
Quelle für die letzten vier Punkte: Logistik und Dienstleistungen des Konzerns.
- Sonderfall Nordsee: Homann stellt Supermarktprodukte unter Nordsee-Lizenz her. Die Restaurantkette selbst ist damit nicht als Müller-Unternehmen einzuordnen. Aber die Nordsee-Produkte im Supermarkt. Quelle
Handelsmarken
Denn Müller ist mehr als die Marke Müller. Ein anderer Markenname bedeutet nicht automatisch einen anderen Konzern.
Bei Handelsmarken von Supermärkten und Discountern ist der Zusammenhang weniger offensichtlich. Der Markenname auf der Verpackung gehört dem Händler, hergestellt wird das Produkt häufig von einem anderen Unternehmen. Auch die Müller-Gruppe ist in diesem Geschäft tätig: Ihre Gesellschaft T.M.A. entwickelt und produziert Molkereiprodukte für Eigenmarken des Handels. Man kann deshalb ein Produkt aus dem Müller-Konzern kaufen, ohne dass vorne „Müller“ daraufsteht. Quelle: Unternehmensgruppe Theo Müller
Eine Handelsmarke ist allerdings nicht mit einem einzigen Hersteller gleichzusetzen. Unter demselben Markennamen können Produkte verschiedener Lieferanten angeboten werden. Für eine Kaufentscheidung muss deshalb das konkrete Produkt zugeordnet werden. Aus der Tatsache, dass Müller einen Artikel herstellt, lässt sich nicht ableiten, dass das gesamte Milchsortiment einer Discounter-Marke von Müller stammt.
Für unseren Boykott bedeutet das: Wir sollten nachvollziehbar zugeordnete Produkte benennen und dabei möglichst auch Herstellerangabe, Verpackung und Zeitpunkt der Prüfung dokumentieren. Eine pauschale Liste nach dem Muster „Diese Discounter-Marke ist Müller“ wäre zu ungenau. Entscheidend ist, wer hinter dem jeweiligen Produkt steht – nicht allein, welcher Markenname vorne aufgedruckt ist.
Ein gezielter Boykott kann auch Supermärkte und Discounter unter Druck setzen. Ihre Handelsmarken sollen Vertrauen schaffen und Kunden binden. Wenn Kunden bestimmte Produkte wegen ihrer Herkunft aus dem Müller-Konzern meiden und dem Händler den Grund mitteilen, wird die Wahl des Lieferanten zum wirtschaftlichen Thema. Der Händler kann darauf reagieren, indem er Produkte künftig von anderen Herstellern bezieht. So kann der Druck über den einzelnen Einkauf hinauswirken: Müller riskiert dann nicht nur einzelne Käufer, sondern Lieferaufträge des Handels. Dafür muss allerdings erkennbar sein, welche Produkte gemieden werden und warum.
Und bei Handelsmarken kann hinter der Verpackung ein Hersteller stehen, dessen Name vorne überhaupt nicht auftaucht.
Die Grafik nennt folgende Handelsmarken und Produkte mit Zuordnung zu Müller:
| Handelsmarke | Händler | Produkte |
|---|---|---|
| Biac | Aldi Süd | Probiotischer Fitness-Drink |
| Desira | Aldi Süd | Joghurt, Milchreis, Kefir |
| Milfina | Aldi Süd | Butter |
| Grazil | Aldi Nord | Joghurt-Drink |
| Hofburger | Aldi Nord | Gouda, Maasdamer |
| Milsani | Aldi Nord | H-Milch, Joghurt |
| Ursi | Aldi Nord | Sahne-Milchreis, Pudding |
| Milbona | Lidl | Butter, Gouda-Käse |
| K-Classic | Kaufland | Sahne-Milchreis |
| Gutes Land | Netto MD | Frischkäse, Kefir |
| Landfein | Norma | Buttermilch-Dessert |
| Gut & Günstig | Edeka | Buttermilch |
| ja! | Rewe | Buttermilch |
Dies ist eine Abschrift der rechts stehenden Grafik, keine unabhängig überprüfte Herstellerliste. Die Grafik weist selbst darauf hin, dass Handelsmarken mehrere Lieferanten haben können und nicht jedes Produkt dieser Marken aus einem Müller-Werk stammt.
Die Aufkleber Aktion
Die Idee, die jemand anderes vorgeschlagen hat: Aufkleber drucken und damit im Supermarkt Produkte markieren, die aus dem Müller-Konzern stammen. Gerade bei Handelsmarken ist dieser Zusammenhang auf den ersten Blick oft nicht erkennbar. Der Aufkleber würde die Herstellerzuordnung mit einem Boykottaufruf verbinden: „Andere Marke. Gleicher Müller. Nicht kaufen! Gegen Rechtsextremismus.“ Voraussetzung wäre eine verlässliche Zuordnung des jeweiligen Produkts.
Ich gebe diese Idee hier selbstverständlich nur wieder. Ungefragt Aufkleber auf fremde Waren zu kleben, ist schließlich keine angemessene Form der Verbraucherinformation. Politische Verbindungen recherchiert man bitte zu Hause, führt eine sorgfältig aktualisierte Konzernübersicht mit sich und gleicht sie vor dem Kühlregal diskret ab. Wir wollen den Einkauf ja nicht unnötig vereinfachen.
Wer trotzdem solche Aufkleber herstellen möchte, hat verschiedene Möglichkeiten:
- Das hier gezeigte Motiv verwenden: Die Bilddatei herunterladen und als Grundlage für den Druck verwenden. Vor einer Bestellung muss sie noch an das gewünschte Format und die Druckvorgaben des Anbieters angepasst werden.
- Ein eigenes Motiv gestalten: Dafür reichen ein Grafikprogramm oder der Online-Designer eines Etikettenanbieters. Wenige Wörter, große Schrift und kräftige Kontraste helfen, damit die Aussage auch auf einem kleinen Aufkleber lesbar bleibt.
- Zu Hause ausdrucken: Für kleine Mengen eignen sich selbstklebende Etikettenbögen oder bedruckbares Aufkleberpapier. Das Material muss zum eigenen Tintenstrahl- oder Laserdrucker passen. Vorgestanzte Etiketten ersparen das Ausschneiden; ein Probedruck auf normalem Papier hilft beim Ausrichten.
- Einen Copyshop beauftragen: Ein örtlicher Copyshop kann prüfen, ob er selbstklebendes Material bedruckt und die Aufkleber auch zuschneidet. Dabei lässt sich die Lesbarkeit direkt anhand eines Probeexemplars beurteilen.
- Online drucken lassen: Beispielsweise bieten Avery Zweckform, WIRmachenDRUCK und viaprinto individuell bedruckte Aufkleber an. Format, Material, Stückzahl und Lieferzeit bestimmen den Preis. Avery bietet außerdem einen Online-Designer und ablösbare Materialien an.
- Aufkleber als Post-its bei Zazzle bestellen (11,70 € pro Post-it Block)
Vor dem Druck lohnt sich ein Blick auf das Motiv in seiner tatsächlichen Größe: Ist auch die kleinere Schrift lesbar? Stimmen die Seitenränder? Entspricht die Datei den Vorgaben der Druckerei?
Damit wären die technischen Möglichkeiten beschrieben. Über den vorgesehenen Einsatzort sagt das selbstverständlich noch nichts aus. Auch ein politisch engagierter Aufkleber erhält durch seine Herstellung keine automatische Klebeerlaubnis.
Und ich möchte daraus keinen Wettbewerb um moralische Fehlerfreiheit machen. Niemand kann bei jedem Einkauf sämtliche Lieferketten, Beteiligungsverhältnisse und politischen Einstellungen überblicken. Menschen haben unterschiedliche Budgets, unterschiedlich viel Zeit und unterschiedlich große Auswahl. Wer versehentlich ein entsprechendes Produkt kauft, muss sich deshalb nicht rechtfertigen.
Wir können trotzdem dort anfangen, wo wir einen Zusammenhang kennen und eine Alternative haben. Eine unvollkommene Entscheidung ist immer noch eine Entscheidung.
Der Einwand, dass ein Boykott auch Beschäftigte treffen kann, verdient ebenfalls eine ehrliche Antwort. Die Beschäftigten sind nicht für die politischen Kontakte des Unternehmers verantwortlich. Sie sind auch nicht das Ziel meiner Kritik. Wirtschaftlicher Druck kann allerdings Folgen haben, die über die Eigentümer hinausreichen. Das lässt sich nicht einfach wegreden.
Daraus kann für mich aber keine Verpflichtung entstehen, dauerhaft Kunde zu bleiben. Ich kaufe stattdessen bei einem anderen Unternehmen, bei dem ebenfalls Menschen arbeiten. Und ich kann deutlich sagen, weshalb ich wechsle, damit meine Entscheidung als Kritik an der Unternehmensspitze verstanden wird.
Was mich an der Debatte besonders stört, ist die Erwartung, wir müssten unsere politischen Überzeugungen an der Supermarkttür abgeben. Unternehmen dürfen mit Heimat, Verantwortung und gesellschaftlichen Werten werben. Aber wenn Kunden daraus eigene Konsequenzen ziehen, soll plötzlich nur noch Geschmack oder Preis zählen?
Für mich gehört auch dazu, wem ich mein Geld geben möchte.
Ein Einkaufsboykott ersetzt weder Wählen noch Widerspruch, gesellschaftliches Engagement oder Solidarität mit Menschen, die von Rechtsextremen angegriffen werden. Er ist eine zusätzliche Möglichkeit. Eine, die sich im Alltag umsetzen lässt.
Ich möchte nicht bei jeder Nachricht über die AfD denken: Man müsste doch irgendetwas tun können. Und dann selbst die kleinen Möglichkeiten ungenutzt lassen.
Deshalb möchte ich Müller-Produkte im Regal lassen. Auch dort, wo ein anderer Name auf der Verpackung steht. Und ich wünsche mir, dass mehr Menschen hinschauen und dieselbe Entscheidung treffen.
Theo Müller entscheidet, wem er die Hand reicht. Wir entscheiden, wem wir unser Geld geben.




