
Atomstrom scheint billig. Jedenfalls dann, wenn das Kraftwerk bereits gebaut und bezahlt ist. Wenn jahrzehntealte Reaktoren mit neuen Windrädern und Solaranlagen verglichen werden, gewinnt die Atomkraft deshalb regelmäßig.
Das ist ungefähr so überraschend wie die Feststellung, dass das Wohnen im abbezahlten Elternhaus billiger ist als ein Neubau.
Hier soll es deshalb ausschließlich um neue Kraftwerke gehen: Wenn heute zusätzliche CO₂-arme Stromerzeugung benötigt wird, lohnt es sich dann wirtschaftlich, ein neues Atomkraftwerk zu bauen – oder sind Wind- und Solarenergie selbst dann günstiger, wenn man Netze, Speicher und Reservekraftwerke mitrechnet?
Die klare Antwort lautet: Neue Atomkraftwerke rechnen sich nicht. Wind- und Solarenergie sind auch einschließlich ihrer Systemkosten die wirtschaftlichere Lösung.
Der Trick mit den unterschiedlichen Kosten
In der Diskussion werden gerne zwei verschiedene Rechnungen miteinander verglichen.
Bei Wind- und Solarenergie werden auf den Erzeugungspreis noch Netzausbau, Speicher, Reservekraftwerke, Einspeisevergütung und gelegentlich auch die Kosten einer vollständigen Dunkelflaute addiert.
Bei der Atomkraft wird dagegen häufig nur auf die Produktionskosten bestehender Reaktoren verwiesen. Netzanbindung, Reserveleistung, Finanzierung, Rückbau, Endlagerung und Unfallrisiko verschwinden aus der Rechnung.
Das ist kein Vergleich. Das ist Buchhaltung mit politischer Absicht.
Wer wissen will, welche Technologie heute wirtschaftlicher ist, muss neue Anlagen mit neuen Anlagen vergleichen – und bei allen Technologien dieselben Kosten berücksichtigen.
Ein ziemlich aufschlussreiches Experiment
Großbritannien liefert dafür fast ideale Vergleichsdaten. Dort werden sowohl neue Atomkraftwerke als auch Wind- und Solaranlagen über sogenannte „Contracts for Difference“ finanziert. Der Staat garantiert den Betreibern einen bestimmten inflationsgeschützten Strompreis. Liegt der Marktpreis darunter, wird die Differenz ausgeglichen.
Das ist im Prinzip nichts anderes als eine gleitende Einspeisevergütung.
Für das Atomkraftwerk Hinkley Point C wurde der garantierte Preis inzwischen auf 89,50 Pfund je Megawattstunde zu Preisen von 2012 festgelegt. Die Garantie gilt 35 Jahre ab Inbetriebnahme. Umgerechnet auf das Preisniveau von 2024 sind das ungefähr 125 Pfund je Megawattstunde. EDF, britische Regierung
In derselben britischen Förderlogik wurden Anfang 2026 folgende Preise vereinbart:
| Neue Anlage | Garantierter Preis, Preisstand 2024 |
|---|---|
| Solarenergie | 65,23 £/MWh |
| Windenergie an Land | 72,24 £/MWh |
| Windenergie auf See | 89,49–91,20 £/MWh |
| Hinkley Point C | rund 125 £/MWh |
Die aktuellen Ausschreibungsergebnisse sind bei der britischen Regierung nachzulesen.
Der Strom aus Hinkley Point C ist damit ungefähr
- 90 Prozent teurer als neuer Solarstrom,
- 73 Prozent teurer als Windstrom an Land und
- knapp 40 Prozent teurer als Windstrom auf See.
Und das ist nicht der Vergleich eines deutschen Umweltverbandes, sondern das Ergebnis britischer Verträge, die nach derselben Logik abgeschlossen wurden.
Hinzu kommt: Als Hinkley Point C beschlossen wurde, sollte das Kraftwerk rund 18 Milliarden Pfund kosten und 2025 Strom liefern. Inzwischen rechnet EDF mit 35 Milliarden Pfund zu Preisen von 2015 und einer Inbetriebnahme des ersten Reaktors im Jahr 2030. EDF
Das finanzielle Risiko trägt dabei auch kein gewöhnliches Privatunternehmen. EDF gehört zu 100 Prozent dem französischen Staat. Der zweite Eigentümer, der chinesische Konzern CGN, ist ebenfalls staatlich kontrolliert. EDF
Ja, Wind und Sonne verursachen Systemkosten

Solar- und Windkraftwerke erzeugen Strom abhängig von Wetter und Tageszeit. Ein Stromsystem mit hohen Anteilen dieser Energien benötigt deshalb zusätzliche Infrastruktur:
- stärkere und räumlich besser verbundene Stromnetze,
- Speicher,
- flexible Verbraucher,
- Verbindungen zu Nachbarländern,
- kurzfristig regelbare Kraftwerke und
- ausreichende Reserveleistung für längere Perioden mit wenig Wind und Sonne.
Diese Kosten sind real. Sie kleinzureden wäre genauso unseriös, wie die Endlagerung bei der Atomkraft zu vergessen.
Die Internationale Energieagentur weist darauf hin, dass mit steigendem Anteil von Wind und Sonne mehr Netze, Speicher und flexible Erzeugung benötigt werden. In einigen Ländern müssen bereits zwischen fünf und 15 Prozent der möglichen erneuerbaren Stromproduktion abgeregelt werden, weil Netze oder flexible Verbraucher fehlen. Internationale Energieagentur
Auch die atomkraftfreundliche Nuclear Energy Agency der OECD kommt in Modellrechnungen bei einem Anteil wetterabhängiger Energien von 75 Prozent auf zusätzliche Systemkosten in einer Größenordnung von bis zu 50 Dollar je Megawattstunde. Darin enthalten sind Netzanschluss, Netzausbau, Ausgleichsenergie und der sinkende Marktwert bei gleichzeitiger Produktion vieler Wind- oder Solaranlagen. OECD Nuclear Energy Agency
Das ist ein erheblicher Betrag. Bei sehr hohen Anteilen von Wind und Sonne kann er den Kostenvorteil der Offshore-Windenergie gegenüber einem neuen Atomkraftwerk weitgehend aufzehren.
Bei Solarenergie und Windkraft an Land reicht selbst ein solch hoher Zuschlag jedoch nicht aus, um den Abstand zu Hinkley Point C sicher zu schließen. Und vor allem wäre es falsch, nur den erneuerbaren Energien Systemkosten zuzurechnen.
Ein Atomkraftwerk kommt ebenfalls nicht allein
Ein Atomkraftwerk liefert seinen Strom zwar weitgehend unabhängig vom Wetter. Es liefert ihn aber keineswegs garantiert.
Reaktoren werden für Wartung und Brennelementwechsel abgeschaltet. Sie können wegen technischer Probleme monatelang ausfallen. Mehrere französische Kraftwerke standen 2022 gleichzeitig still. Auch hohe Flusstemperaturen und Wassermangel können die Leistung begrenzen.
Vor allem fällt bei einem Reaktorproblem schlagartig sehr viel Leistung aus. Ein Block von Hinkley Point C wird rund 1,6 Gigawatt liefern. Der britische Netzbetreiber muss sich deshalb darauf vorbereiten, den plötzlichen Ausfall von bis zu 1,8 Gigawatt abzufangen. Nach seinen eigenen Angaben wird der Anschluss von Hinkley den Bedarf an extrem schnell verfügbarer Regelleistung deutlich erhöhen. National Energy System Operator
Auch Atomkraft braucht also Reservekraftwerke, Speicher, Netze und Regelenergie. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass bei Wind und Sonne viele kleine Erzeuger wetterbedingt schwanken, während bei der Atomkraft ein einziger Fehler auf einen Schlag die Leistung von Hunderten Windrädern aus dem Netz nehmen kann.
Hinzu kommt die mangelnde Flexibilität. Ein neues Atomkraftwerk ist wirtschaftlich darauf angewiesen, möglichst ununterbrochen mit hoher Leistung zu produzieren. In einem Stromsystem mit viel Wind und Sonne entsteht aber immer häufiger das Gegenteil: In manchen Stunden gibt es sehr viel billigen Strom, in anderen zu wenig.
Das Atomkraftwerk löst dieses Problem nicht. Es produziert auch dann weiter, wenn bereits mehr als genug Strom vorhanden ist. Und es braucht weiterhin flexible Kraftwerke für die Verbrauchsspitzen, die über seiner konstanten Leistung liegen.
Atomkraft ersetzt deshalb weder Netze noch Spitzenlastkraftwerke noch Speicher vollständig.
Ein Reservekraftwerk ist kein zweites Stromsystem
Besonders beliebt ist die Behauptung, für jedes Megawatt Wind- oder Solarleistung müsse noch einmal ein Megawatt Gaskraftwerk gebaut werden. Deshalb würden die Erneuerbaren in Wahrheit doppelt so viel kosten.
Das klingt einleuchtend, ist aber falsch.
Entscheidend ist der Unterschied zwischen Leistung und Energie. Ein Reservekraftwerk muss ausreichend Leistung bereitstellen können, läuft aber nur in den Stunden, in denen Wind, Sonne, Speicher, Importe und flexible Verbraucher nicht ausreichen.
Ein Gaskraftwerk, das nur wenige Wochen oder Stunden im Jahr läuft, verbraucht entsprechend wenig Brennstoff. Seine Baukosten müssen berücksichtigt werden, aber nicht so, als würde es das ganze Jahr parallel zur Windenergie Strom produzieren.
Langfristig können diese Reserven zunehmend aus Batterien, Pumpspeichern, Biomasse, Wasserstoffkraftwerken, Stromimporten und flexibler Nachfrage bestehen. Die letzten Prozent eines vollständig klimaneutralen Stromsystems werden trotzdem teuer. Das ist unbestritten.
Die entscheidende Frage lautet aber nicht, ob ein ausschließlich aus Solaranlagen bestehendes Stromsystem sinnvoll wäre. Natürlich wäre es das nicht. Die Frage lautet, ob ein sinnvoll zusammengestelltes System aus Wind, Sonne, Netzen, Speichern und flexibler Leistung teurer ist als ein System mit neu gebauten Atomkraftwerken.
Dafür gibt es keinen überzeugenden Beleg.
Der britische Netzbetreiber NESO kommt im Gegenteil zu dem Ergebnis, dass ein weitgehend CO₂-freies Stromsystem mit hohen Anteilen erneuerbarer Energie technisch betrieben werden kann, ohne dass die gesamten Systemkosten gegenüber heute steigen müssen. Netze und Flexibilität müssen dafür allerdings rechtzeitig gebaut werden. NESO
Aber Wind und Sonne erhalten doch Einspeisevergütungen
Ja. Der Ausbau der erneuerbaren Energien wurde und wird staatlich gefördert.
Die hohen deutschen Einspeisevergütungen der Vergangenheit haben den Aufbau einer neuen Industrie finanziert. Frühe Solaranlagen erhielten Vergütungen, die aus heutiger Sicht grotesk hoch erscheinen. Dafür sind die Preise anschließend massiv gefallen.
Diese historischen Kosten sagen aber wenig darüber aus, welche Anlage wir heute bauen sollten. Niemand entscheidet über den Kauf eines aktuellen Computers anhand der Preise von 1995.
Größere Wind- und Solaranlagen erhalten zudem längst nicht mehr einfach einen politisch festgelegten Wunschpreis. Die Förderung wird in Ausschreibungen vergeben. Die Unternehmen konkurrieren darum, wer mit der niedrigsten Vergütung bauen kann.
Bei der deutschen Solarausschreibung vom März 2026 lag der durchschnittliche Zuschlagswert bei 4,94 Cent je Kilowattstunde. Bei Windenergie an Land waren es im Mai 2026 5,34 Cent. Bundesnetzagentur Solar, Bundesnetzagentur Wind
Auch diese Preise enthalten noch nicht sämtliche Systemkosten. Sie zeigen aber, auf welchem Niveau neue Anlagen inzwischen angeboten werden.
Vor allem ist die Einspeisevergütung kein Alleinstellungsmerkmal der erneuerbaren Energien. Hinkley Point C erhält ebenfalls einen garantierten, inflationsgeschützten Abnahmepreis – nur höher und über einen ungewöhnlich langen Zeitraum.
Schweden bietet für neue Reaktoren staatliche Kredite, garantierte Strompreise und eine Beteiligung des Staates an bestimmten Projektrisiken an. Schwedische Regierung
Beim britischen Nachfolgeprojekt Sizewell C hält der Staat selbst 44,9 Prozent der Anteile. Der staatliche National Wealth Fund übernimmt einen großen Teil der Fremdfinanzierung, während die französische Exportkreditagentur weitere Kredite absichert. Britische Regierung
Wer bei Wind und Sonne von Subventionen spricht, bei Atomkraft aber von „Investitionssicherheit“, beschreibt nicht zwei unterschiedliche Instrumente. Er verwendet lediglich zwei unterschiedliche Wörter.
Rückbau, Endlager und Versicherung
Die Kosten für Rückbau und Entsorgung sind bei neuen Reaktoren zumindest teilweise in den Kalkulationen enthalten. Für Hinkley Point C muss der Betreiber Geld in einen geschützten Fonds einzahlen. Nach früheren Angaben der britischen Regierung entfielen darauf ungefähr zwei Pfund des garantierten Strompreises je Megawattstunde. Britische Regierung
Das Endlager selbst wird allerdings vom Staat errichtet. Nach der Stilllegung übernimmt der britische Staat gegen einen vorher festgelegten Preis Eigentum und Haftung für die radioaktiven Abfälle. Britische Regierung
Noch deutlicher ist die staatliche Rolle bei schweren Unfällen. In einigen Ländern haften Betreiber rechtlich unbegrenzt. Eine unbegrenzte Versicherung besitzen sie deshalb noch lange nicht. Versicherbar sind nur begrenzte Milliardenbeträge. Schäden darüber hinaus treffen das Vermögen des Betreibers – und anschließend entweder die Geschädigten oder den Staat.
Diese Risiken sind schwer zu beziffern. Sie sind aber nicht null. Wer sie bei der Atomkraft einfach weglässt, darf auch die schwer bezifferbaren Systemkosten von Wind und Sonne nicht plötzlich bis auf die letzte theoretische Dunkelflaute hochrechnen.
Der Markttest

Der einfachste Test wäre, den Bau eines neuen Atomkraftwerks vollständig privaten Investoren zu überlassen:
Sie finanzieren den Bau zu marktüblichen Zinsen. Sie verkaufen den Strom ohne staatlich garantierten Preis. Sie tragen Verzögerungen und Kostenüberschreitungen. Sie bezahlen Rückbau und Endlagerung. Und sie schließen eine Versicherung ab, die das gesamte Schadensrisiko eines schweren Unfalls deckt.
Ein solches Kraftwerk wird nirgendwo gebaut.
Neue Reaktoren entstehen mit staatlichen Eigentümern, staatlichen Krediten, staatlichen Garantien, langfristig abgesicherten Strompreisen oder einer Umlage, die bereits während der Bauzeit von den Stromkunden erhoben wird.
Wind- und Solarenergie benötigen ebenfalls Netze, Speicher, Reserveleistung und verlässliche Rahmenbedingungen. Aber sie können schneller gebaut werden, ihre Kosten sind besser kalkulierbar und das Risiko verteilt sich auf viele einzelne Projekte. Wenn ein Solarpark ein Jahr später fertig wird, gefährdet das nicht die Stromversorgung eines ganzen Landes und reißt kein Milliardenloch in einen Staatshaushalt.
Die Antwort
Wenn das Ziel lautet, möglichst schnell und zu möglichst geringen Kosten zusätzlichen CO₂-armen Strom zu erzeugen, lohnt sich der Neubau von Atomkraftwerken nicht.
Wind- und Solarenergie sind nicht kostenlos. Ihre Systemkosten steigen mit ihrem Anteil. Ein Stromnetz lässt sich nicht allein mit Solarmodulen und guten Absichten betreiben.
Aber auch wenn Netze, Speicher, Abregelung und Reservekraftwerke berücksichtigt werden, bleiben insbesondere Solarenergie und Windkraft an Land günstiger als neue Atomkraftwerke. Offshore-Wind und neue Atomkraft können sich bei sehr hohen Anteilen wetterabhängiger Erzeugung kostenseitig annähern. Der entscheidende Unterschied bleibt jedoch: Windparks lassen sich in wenigen Jahren und schrittweise bauen. Ein Atomkraftwerk bindet für Jahrzehnte zweistellige Milliardenbeträge, bevor es auch nur eine Kilowattstunde erzeugt.
Neue Atomkraft ist deshalb keine wirtschaftliche Alternative zu Wind und Sonne.
Natürlich können sich Technologien weiterentwickeln. Standardisierte Reaktoren oder kleine modulare Anlagen könnten eines Tages günstiger und schneller werden; zugleich werden Speicher, Netze und intelligente Steuerung für Wind und Sonne weiter billiger. Für heutige Entscheidungen zählt jedoch nicht die Hoffnung auf einen künftigen Durchbruch, sondern die bisher sichtbare Entwicklung: Bei Solarenergie, Windkraft und Batteriespeichern sinken die Kosten in realen Ausschreibungen – beim Reaktorneubau steigen sie bislang.
Nachtrag in eigener Sache: Als 2023 die letzten deutschen Reaktoren abgeschaltet wurden, habe ich nach 38 Jahren persönlichem Engagement gegen Atomkraft einen Rückblick geschrieben: „Aus die Meiler: (Mein) Erfolg nach 38 Jahren“. Dieser Artikel ergänzt ihn um die aktuelle wirtschaftliche Frage: Neue Atomkraftwerke sind nicht nur ein Sicherheits- und Entsorgungsproblem – sie sind auch kein überzeugendes Geschäftsmodell.
Transparenzhinweis: Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung generativer KI recherchiert, Fakten-gecheckt und optmiert. Auswahl, Argumentation und Schlussfolgerungen verantwortet der Autor. Auch die Illustrationen wurden mit KI erzeugt.